
Es beginnt meistens mit einem Diktat. Ihr Kind hat geübt – ehrlich geübt, Sie waren dabei – und trotzdem kommt das Heft mit acht roten Strichen zurück. Beim nächsten Mal wieder. Und irgendwann sagt Ihr Kind diesen einen Satz, der wehtut: „Ich kann das einfach nicht."
An diesem Punkt googeln viele Eltern zum ersten Mal nach einem Rechtschreibtest für die Grundschule. Die Suche führt schnell in ein Dickicht aus Abkürzungen, Wartelisten und Preisen. Dieser Artikel räumt das Dickicht auf: Sie erfahren, welche Rechtschreibtests es gibt, wer sie durchführen darf, was ein Legasthenie-Test kostet – und wie ein sinnvoller erster Schritt aussieht, den Sie heute Abend noch gehen können.
Was ist ein Rechtschreibtest überhaupt?
Ein Rechtschreibtest ist ein standardisiertes Verfahren, das die Schreibleistung Ihres Kindes mit der Leistung von Gleichaltrigen derselben Klassenstufe vergleicht. Er misst nicht, ob Ihr Kind „gut" oder „schlecht" ist, sondern wo es im Vergleich zu einer repräsentativen Stichprobe steht – ausgedrückt als Prozentrang oder T-Wert.
Das ist der entscheidende Unterschied zum Klassendiktat. Ein Diktat sagt Ihnen, wie ein bestimmter Text an einem bestimmten Tag gelaufen ist. Ein normierter Rechtschreibtest sagt Ihnen, ob die Schwierigkeiten im Rahmen der normalen Streuung liegen – oder ob sie so deutlich abweichen, dass sich eine genauere Abklärung lohnt.
In der Grundschule kommen unter anderem diese Verfahren zum Einsatz:
- HSP (Hamburger Schreib-Probe) – wird häufig direkt in der Schule eingesetzt, auch als Klassenscreening. Sie schaut nicht nur auf die Fehleranzahl, sondern auf die verwendeten Rechtschreibstrategien.
- DERET (Deutscher Rechtschreibtest) – ein Diktattest mit Normen für die Klassenstufen 1 bis 4.
- WRT (Weingartener Grundwortschatz Rechtschreib-Test) und DRT (Diagnostischer Rechtschreibtest) – klassische, weit verbreitete Verfahren mit Fehleranalyse.
- SLRT-II – erfasst Lesen und Schreiben getrennt und wird oft in der Diagnostik verwendet.
Welches Verfahren zum Einsatz kommt, entscheidet die Fachperson, nicht Sie. Sie müssen diese Namen also nicht auswendig lernen. Es hilft aber, sie wiederzuerkennen, wenn sie im Elterngespräch fallen.
Rechtschreibtest ist nicht gleich Legasthenie-Diagnose
Hier liegt das häufigste Missverständnis – und es kostet Familien viel Zeit.
Ein Rechtschreibtest ist ein Baustein. Er zeigt die Schreibleistung.
Eine Legasthenie-Diagnose ist etwas anderes: Für die Einordnung nach ICD-10 (F81.0/F81.1) braucht es mehr als einen Rechtschreibtest – in der Regel zusätzlich einen Lesetest, einen Intelligenztest, eine Anamnese, den Ausschluss anderer Ursachen wie Seh- oder Hörproblemen sowie eine Einschätzung der psychischen Belastung. Und sie darf nur von qualifizierten Fachpersonen gestellt werden: Kinder- und Jugendpsychiater:innen, Kinder- und Jugendlichenpsychotherapeut:innen oder entsprechend qualifizierten Psycholog:innen.
Das heißt konkret: Ein einzelner Rechtschreibtest – ob in der Schule, beim Lerntherapeuten oder online – ist nie eine Diagnose. Er ist ein Wegweiser. Und genau als solcher ist er wertvoll, denn er beantwortet die Frage, die Sie gerade wirklich beschäftigt: Muss ich mich kümmern oder nicht?
Wo können Sie einen Rechtschreibtest machen lassen?
Es gibt nicht den einen richtigen Ort. Welche Anlaufstelle passt, hängt davon ab, was Sie mit dem Ergebnis erreichen wollen.
1. Die Schule selbst
Viele Grundschulen führen die HSP als Klassenscreening durch. Fragen Sie im Elterngespräch direkt: „Gibt es aus einem Screening Ergebnisse zu meinem Kind, und was sagen die Prozentränge?" Diese Frage öffnet oft eine Tür, von der Eltern gar nicht wussten, dass es sie gibt.
2. Der schulpsychologische Dienst
Für die meisten Familien der beste Einstieg: kostenlos, und die Wartezeiten sind meist kürzer als bei niedergelassenen Ärzt:innen. Zuständig ist der Dienst Ihres Landkreises oder Ihrer kreisfreien Stadt. Ein Ergebnis von hier ist die Grundlage für schulische Maßnahmen wie Nachteilsausgleich und Notenschutz.
3. Kinder- und Jugendpsychiatrie (KJP)
Der Weg zur formalen, ärztlich anerkannten Diagnose. Diesen Weg brauchen Sie, wenn Sie später eine Kostenübernahme für eine Lerntherapie beim Jugendamt beantragen wollen (§ 35a SGB VIII). Zugang meist über eine Überweisung der Kinderärztin. Rechnen Sie mit Wartezeiten von drei bis sechs Monaten – das ist der Grund, warum Sie mit dem Anruf nicht warten sollten, bis alles andere geklärt ist.
4. Sozialpädiatrisches Zentrum (SPZ)
Schaut sehr umfassend hin, auch auf Begleitthemen wie AD(H)S. Ebenfalls über Überweisung, ebenfalls oft mit längeren Wartezeiten.
5. Lerntherapeutische Praxen
Bieten eine sogenannte Förderdiagnostik oder Eingangsdiagnostik an. Die ist fachlich hochwertig und meist schnell verfügbar – reicht aber in der Regel nicht als Grundlage für einen Antrag beim Jugendamt. Qualifizierte Anlaufstellen in Ihrer Nähe finden Sie im Anvido-Verzeichnis für Lerntherapeut:innen.
6. Hochschulambulanzen
Universitäten mit psychologischen Instituten bieten oft sehr sorgfältige Diagnostik zu günstigen Konditionen oder kostenlos an. Suchbegriff: „LRS Ambulanz [Ihre Stadt]".
Legasthenie-Test: Kosten im Überblick
Die Frage nach den Kosten ist keine unangenehme Frage. Sie ist eine planende Frage – und Sie haben ein Recht auf eine klare Antwort.
| Anlaufstelle | Typische Kosten | Wer zahlt |
|---|---|---|
| Schulpsychologischer Dienst | kostenlos | öffentliche Hand |
| Kinder-/Jugendpsychiater:in | in der Regel keine Zuzahlung | gesetzliche Krankenkasse |
| SPZ | in der Regel keine Zuzahlung | gesetzliche Krankenkasse (Überweisung nötig) |
| Hochschulambulanz | kostenlos bis moderat | teils Kasse, teils Forschungsmittel |
| Eingangsdiagnostik Lerntherapie | ca. 80–150 € | Eltern (privat) |
| Ausführliches privates Gutachten | ca. 250–500 € | Eltern (privat) |
| Lerntherapie (Behandlung) | ca. 50–100 € pro Einheit, ca. 200–400 € im Monat | Eltern – oder Jugendamt nach § 35a |
Drei Dinge, die viele Eltern überraschen:
Erstens: Die Diagnostik ist über den ärztlichen Weg meist eine Kassenleistung. Die Therapie dagegen ist keine Regelleistung der gesetzlichen Krankenversicherung. Das ist die eigentliche Kostenfalle – nicht der Test.
Zweitens: Über die Eingliederungshilfe nach § 35a SGB VIII kann das Jugendamt die Therapiekosten übernehmen. Voraussetzung ist eine ärztliche ICD-10-Diagnose und der Nachweis, dass die seelische Gesundheit des Kindes durch die Lernschwierigkeit erheblich beeinträchtigt ist. Deshalb ist der Weg über die Kinder- und Jugendpsychiatrie strategisch wichtig, auch wenn er länger dauert.
Drittens: Preise variieren regional erheblich. Fragen Sie in der Praxis vor dem Termin nach einem schriftlichen Kostenvoranschlag – seriöse Anbieter geben ihn ohne Zögern heraus.

Der erste Schritt, der nichts kostet
Zwischen „ich mache mir Sorgen" und „wir haben einen Termin in vier Monaten" liegt eine unangenehme Lücke. In dieser Lücke geht es Eltern oft am schlechtesten: Sie warten, ohne zu wissen, worauf.
Diese Lücke lässt sich sinnvoll füllen. Wir bei Anvido bieten dafür zwei kostenlose Werkzeuge an:
1. Der LRS-Test für die Grundschule – 15 Fragen zu dem, was Sie im Alltag beobachten. Etwa fünf Minuten, keine Anmeldung. Sie bekommen am Ende eine Einordnung, ob die beobachteten Anzeichen für eine weitere Abklärung sprechen.
2. Der Recht-Schreib Check – Sie fotografieren eine echte Schreibprobe Ihres Kindes und tippen ab, was tatsächlich dasteht. Sie erhalten eine pädagogische Beobachtung: Stärken, auffällige Muster, altersbezogene Einordnung und konkrete Übungsvorschläge. Die erste Auswertung ist kostenlos, dafür brauchen Sie ein Anvido-Konto. Konzipiert von einer LRS-Lerntherapeutin, anerkannt von der Hamburger Schulbehörde, fachlich an der AWMF-S3-Leitlinie orientiert.
Was so ein Check leisten kann – und was nicht
Seien wir dabei ehrlich, denn alles andere würde Ihnen nicht helfen:
Was er nicht ist: keine Diagnose, kein Medizinprodukt, kein Ersatz für Schulgespräch, Kinderärztin oder Lerntherapie. Ein Online-Check stellt keine Legasthenie fest und kann sie auch nicht ausschließen.
Was er kann:
- Er ordnet Ihre Beobachtung ein. Viele Auffälligkeiten – Buchstabendreher bei b und d, wechselnde Schreibweisen desselben Wortes – sind in Klasse 1 und 2 entwicklungstypisch. Zu wissen, dass etwas normal ist, nimmt Druck aus dem ganzen Haus.
- Er macht Ihre Sorge konkret. Statt „irgendwie klappt das nicht" gehen Sie mit benennbaren Mustern ins Elterngespräch. Fachpersonen arbeiten deutlich schneller mit Beobachtungen, die belegt sind.
- Er verhindert Leerlauf. Wenn der Check auf deutliche Auffälligkeiten hindeutet, wissen Sie: Anruf beim Kinderarzt lohnt sich jetzt, nicht erst nach dem nächsten Zeugnis. Bei Wartezeiten von mehreren Monaten sind vier Wochen früher tatsächlich ein Unterschied.
- Er kostet nichts. Bevor Sie 150 € für eine private Eingangsdiagnostik ausgeben, ist es legitim, erst einmal kostenlos zu schauen, ob der Verdacht überhaupt trägt.
Ein kostenloser Check ersetzt also die Fachperson nicht. Er sorgt dafür, dass Sie besser vorbereitet bei ihr ankommen – und dass Sie nicht monatelang mit einem diffusen Gefühl allein bleiben.
Ihr Fahrplan für die nächsten vier Wochen
- Diese Woche: Kostenlosen LRS-Test machen und eine aktuelle Schreibprobe für den Recht-Schreib Check fotografieren. Legen Sie außerdem eine einfache Sammelmappe an: Diktate, Hefteinträge, Zeugnisse.
- Woche 2: Termin für ein Elterngespräch vereinbaren. Fragen Sie konkret nach vorhandenen Screening-Ergebnissen und nach der Einschätzung der Lehrkraft.
- Woche 3: Beim schulpsychologischen Dienst Ihres Landkreises anrufen. Kostenlos, oft schneller als gedacht.
- Woche 4: Wenn sich der Verdacht verdichtet: Termin bei der Kinderärztin für eine Überweisung in die Kinder- und Jugendpsychiatrie. Parallel Seh- und Hörtest machen lassen – beides gehört zur sauberen Abklärung dazu.
Warten Sie nicht, bis alle Schritte perfekt geplant sind. Rufen Sie früh an; absagen können Sie einen Termin immer noch.
Wann Sie nicht abwarten sollten
Bei allem Verständnis für „das wächst sich vielleicht aus": Sprechen Sie zeitnah mit einer Fachperson, wenn Ihr Kind
- morgens über Bauchschmerzen klagt, sobald Schule ansteht,
- sich selbst abwertet („ich bin dumm", „ich bin der Schlechteste"),
- das Lesen und Schreiben komplett verweigert,
- oder Ende Klasse 2 noch Wörter nicht lautgetreu verschriftlichen kann.
Der Grund ist einfach: Die Lernschwierigkeit ist behandelbar. Der Verlust des Zutrauens ist der Teil, der sich später am schwersten reparieren lässt.
Häufige Fragen zum Rechtschreibtest in der Grundschule
Ab welcher Klasse ist ein Rechtschreibtest sinnvoll?
Normierte Rechtschreibtests gibt es ab Mitte Klasse 1. Belastbarer werden die Ergebnisse ab Klasse 2, weil bis dahin große Entwicklungsunterschiede normal sind. Auffällige Beobachtungen sollten Sie trotzdem früher ansprechen – frühe Förderung wirkt nachweislich besser als späte.
Was kostet ein Legasthenie-Test?
Über den schulpsychologischen Dienst kostenlos, über Kinder- und Jugendpsychiatrie oder SPZ in der Regel als Kassenleistung ohne Zuzahlung. Eine private Eingangsdiagnostik in einer lerntherapeutischen Praxis liegt meist bei 80–150 €, ein ausführliches privates Gutachten bei etwa 250–500 €. Mehr dazu im Artikel Legasthenie-Test: Ablauf, Kosten und wo Sie ihn machen lassen.
Zahlt die Krankenkasse den Test?
Die Diagnostik über den ärztlichen Weg ja. Die anschließende Lerntherapie ist dagegen keine Regelleistung der gesetzlichen Krankenkassen – hier kommt gegebenenfalls das Jugendamt über § 35a SGB VIII ins Spiel.
Kann ich einen Rechtschreibtest online machen?
Sie können online eine erste Orientierung bekommen – und die ist wertvoll, um zu entscheiden, ob und wie dringend Sie weitergehen sollten. Ein normiertes Testverfahren mit Diagnosewert ersetzt sie nicht.
Was, wenn die Schule sagt, alles sei normal?
Nehmen Sie die Einschätzung ernst, aber Ihre Beobachtung ebenfalls. Sie sehen Ihr Kind bei den Hausaufgaben, die Lehrkraft sieht 25 Kinder gleichzeitig. Der schulpsychologische Dienst ist auch ohne Zustimmung der Schule für Sie erreichbar.
Wie bereite ich mein Kind auf den Test vor?
Gar nicht üben – das verfälscht das Ergebnis und erzeugt Druck. Sagen Sie ehrlich, worum es geht: „Wir schauen zusammen, wie du am besten lernst, damit dir jemand richtig helfen kann." Kinder tragen Unsicherheit leichter als Geheimnisse.
Dieser Artikel ersetzt keine ärztliche oder lerntherapeutische Beratung. Anvido ist kein Medizinprodukt und stellt keine medizinische Diagnose.