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Verbindungslernen

Ein Kind lernt, wenn es sich sicher fühlt — und wenn es gebraucht wird.

Das ist Verbindungslernen in einem Satz. Beides zusammen ist der Grund, warum unsere Hefte so gebaut sind, wie sie gebaut sind.

Von Jana Sood — LRS-Lerntherapeutin, Mitgründerin von Anvido

Ein neues Wort für etwas, das jeder kennt

Du kennst das von dir selbst. Wenn du dich unwohl fühlst, unter Druck stehst oder überfordert bist, merkt man es deiner Arbeit an: Du bist gehemmt, vorsichtig, nicht mehr frei in dem, was du tust. Bei Kindern ist es nicht anders — nur können sie es nicht benennen. Ein Kind, das Angst hat, etwas falsch zu machen, lernt nicht. Es sichert sich ab.

Was es stattdessen braucht, ist einfach: ein Raum, in dem nichts bewertet wird. Eine Verbindung, die hält. Nichts, das man befürchten müsste. Das ist keine nette Zugabe zum Lernen. Es ist seine Voraussetzung.

Ich habe es in meiner Arbeit als Lerntherapeutin ständig erlebt: Sobald ein Kind sich sicher fühlte und eine Verbindung da war, konnte es sich entspannen und aufs Lernen einlassen.

Genau darauf haben wir unsere Hefte gebaut — und dem Ganzen einen Namen gegeben: Verbindungslernen.

Erstens

Sicherheit kommt vor Lernen

Ein Kind erforscht seine Welt nur, wenn es sich sicher fühlt. Die Bindungsforschung beschreibt das als Gegenspiel zweier Systeme: Solange das Bindungssystem aktiviert ist — durch Angst, Stress, Unsicherheit —, ist das Explorationssystem gehemmt. Erst eine ausreichend sichere Bindung setzt die Aufmerksamkeit frei, die ein Kind zum Lernen braucht (Schleiffer, 2016).

Angst muss dafür nicht groß sein. Es reicht die leise Sorge, etwas nicht zu können, etwas falsch zu machen, sich vor jemandem dumm zu fühlen. Für ein Kind, das beim Lesen schon einmal auf die Nase gefallen ist, heißt das etwas sehr Konkretes: Das Buchstabenproblem ist nicht das erste Problem. Das erste Problem ist das flaue Gefühl, bevor die Seite überhaupt aufgeschlagen ist. Wer da mit mehr Übung ansetzt, arbeitet an der falschen Stelle.

Eine gemeinsam gelesene Geschichte ist so ein Raum. Nebeneinander sitzen, zusammen lachen, zusammen weiterblättern. Deshalb ist bei uns nicht das Kind allein mit einem Arbeitsblatt, sondern zu zweit mit einer Geschichte.

Und wenn das Lesen selbst der Druckpunkt ist, dann liest dein Kind eben nicht. Dann liest du, und dein Kind hört zu, schneidet aus, klebt, hilft Anvido weiter. Auch das ist vollständig richtig gemacht. Verbindung entsteht nicht dadurch, dass ein Kind vorliest — sondern dadurch, dass ihr zusammen in derselben Geschichte seid.

Diese Haltung ist nicht neu. Jesper Juul hat sie „Beziehung statt Erziehung“ genannt und Gleichwürdigkeit ins Zentrum gestellt. Gerald Hüther beschreibt Begeisterung als das, was Lernen im Gehirn überhaupt erst verankert, und Angst als deren Gegenteil. Arno Stern hat im Malort einen Ort geschaffen, an dem nichts kommentiert, bewertet oder gedeutet wird — und gezeigt, was entsteht, wenn dieser Druck wegfällt.

Wer das „gemeinsam“ übernimmt

Das ist nicht festgelegt. Eltern, Großeltern, eine große Schwester — oder in der Lerntherapiestunde die Therapeutin oder der Therapeut. Die Verbindung muss dafür nicht schon da sein — gemeinsam in einer Geschichte zu sein ist eine der einfachsten Arten, sie entstehen zu lassen. Wo es in der Lerntherapie sinnvoll ist, lassen sich die Hefte auch als Aufgabe für zu Hause mitgeben, damit Kind und Familie gemeinsam weitermachen.

Und die Verbindung zur Figur

Anvido ist kein Maskottchen auf dem Umschlag, sondern jemand, der etwas von deinem Kind will. Kinder bauen zu Figuren eine echte Beziehung auf — und was sie für eine Figur tun, tun sie williger als für sich selbst.

In unseren Mutmach-Büchern geht das noch einen Schritt weiter: Dort kommt das eigene Kuscheltier deines Kindes in der Geschichte vor. Zu dem besteht die Bindung schon, bevor die erste Seite gelesen ist. Was diesem Kuscheltier passiert — der Mut, den es fasst, der Zweifel, den es überwindet —, bleibt beim Kind, weil es zu jemandem gehört, der ihm wirklich wichtig ist.

Zweitens

Nicht dein Kind braucht Hilfe. Anvido.

Das ist die zweite Hälfte, und sie ist der eigentliche Bruch mit dem üblichen Aufbau.

In fast jedem Lernmaterial ist das Kind der, der etwas noch nicht kann. Bei uns ist es umgekehrt: Anvido ist der, der nicht weiterkommt. Er kann die Silben nicht zählen, er findet aus dem Labyrinth nicht heraus, sein Garten ist leer. Dein Kind ist der, der helfen kann.

Das ist kein rhetorischer Trick, sondern verändert, was das Kind über sich denkt. Zwei Befunde dazu:

Der Protégé-Effekt

Kinder strengen sich beim Lernen mehr an, wenn sie es für jemand anderen tun, als wenn sie es für sich selbst tun. Eine Stanford-Studie mit lernenden Software-Figuren zeigte das deutlich — und am deutlichsten bei den Kindern, die vorher zu den schwächeren gehörten (Chase, Chin, Oppezzo & Schwartz, 2009).

Selbstwirksamkeit entsteht aus Erfahrung, nicht aus Zuspruch

Albert Bandura hat vier Quellen des Glaubens an die eigene Fähigkeit beschrieben; die mit Abstand stärkste ist die eigene Erfolgserfahrung. Nicht Lob. Nicht Ermutigung. Selbst geschafft haben.

Deshalb bekommt dein Kind am Ende keine Note und kein „gut gemacht“ von oben, sondern eine Danke-Urkunde, unterschrieben von Anvido. Gelernt hat er. Geholfen hat dein Kind.

Und irgendwo dazwischen kippt der Satz, den viele Kinder über sich mit sich herumtragen. Aus „Das kann ich nicht“ wird „Ich kann das.“

Was das im Heft bedeutet

  • Du liest vor. Anvido lernt. Dein Kind hilft dabei.
  • Anvido stellt die Fragen. Du musst nichts erklären und nichts korrigieren.
  • Geschnitten, geklebt und gespielt wird mit den Händen, nicht angekreuzt.
  • Nichts wird bewertet, nichts verglichen, nichts benotet.
  • Jedes Kind arbeitet in seinem Tempo — Papier drängt nicht.

Was Verbindungslernen nicht ist

Damit es ehrlich bleibt, auch die andere Seite:

Es ist keine Therapie und ersetzt keine. Wenn dein Kind deutliche Schwierigkeiten beim Lesen oder Rechnen hat, gehört das abgeklärt — bei der Lehrkraft, in der Kinderarztpraxis oder in einer lerntherapeutischen Praxis.

Es ist kein Ersatz für Übung, wo Übung nötig ist. Es ist die Bedingung dafür, dass Üben überhaupt möglich wird, ohne dass das Kind zumacht.

Und es ist kein Versprechen auf Ergebnisse. Wir kennen dein Kind nicht. Wir wissen nur, unter welchen Bedingungen Kinder eher lernen als weniger — und danach bauen wir.

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Quellen

  1. Schleiffer, R. (2016): Lernen und Bindung im Kindesalter. KiTa Fachtexte. Zum Verhältnis von Bindungssicherheit, Exploration und Lernen.
  2. Chase, C., Chin, D. B., Oppezzo, M. & Schwartz, D. L. (2009): Teachable Agents and the Protégé Effect: Increasing the Effort Towards Learning. Journal of Science Education and Technology.
  3. Bandura, A. (1997): Self-Efficacy: The Exercise of Control. Zu den vier Quellen der Selbstwirksamkeit.
  4. Jesper Juul: Beziehung statt Erziehung. Gleichwürdigkeit als Grundwert.
  5. Gerald Hüther: Begeisterung als Voraussetzung nachhaltigen Lernens.
  6. Arno Stern: Der Malort. Malen ohne Bewertung, Deutung und Vorgabe.

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