Ein Kind erforscht seine Welt nur, wenn es sich sicher fühlt. Die Bindungsforschung beschreibt das als Gegenspiel zweier Systeme: Solange das Bindungssystem aktiviert ist — durch Angst, Stress, Unsicherheit —, ist das Explorationssystem gehemmt. Erst eine ausreichend sichere Bindung setzt die Aufmerksamkeit frei, die ein Kind zum Lernen braucht (Schleiffer, 2016).
Angst muss dafür nicht groß sein. Es reicht die leise Sorge, etwas nicht zu können, etwas falsch zu machen, sich vor jemandem dumm zu fühlen. Für ein Kind, das beim Lesen schon einmal auf die Nase gefallen ist, heißt das etwas sehr Konkretes: Das Buchstabenproblem ist nicht das erste Problem. Das erste Problem ist das flaue Gefühl, bevor die Seite überhaupt aufgeschlagen ist. Wer da mit mehr Übung ansetzt, arbeitet an der falschen Stelle.
Eine gemeinsam gelesene Geschichte ist so ein Raum. Nebeneinander sitzen, zusammen lachen, zusammen weiterblättern. Deshalb ist bei uns nicht das Kind allein mit einem Arbeitsblatt, sondern zu zweit mit einer Geschichte.
Und wenn das Lesen selbst der Druckpunkt ist, dann liest dein Kind eben nicht. Dann liest du, und dein Kind hört zu, schneidet aus, klebt, hilft Anvido weiter. Auch das ist vollständig richtig gemacht. Verbindung entsteht nicht dadurch, dass ein Kind vorliest — sondern dadurch, dass ihr zusammen in derselben Geschichte seid.
Diese Haltung ist nicht neu. Jesper Juul hat sie „Beziehung statt Erziehung“ genannt und Gleichwürdigkeit ins Zentrum gestellt. Gerald Hüther beschreibt Begeisterung als das, was Lernen im Gehirn überhaupt erst verankert, und Angst als deren Gegenteil. Arno Stern hat im Malort einen Ort geschaffen, an dem nichts kommentiert, bewertet oder gedeutet wird — und gezeigt, was entsteht, wenn dieser Druck wegfällt.