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Therapieformen

Lerntherapie oder Nachhilfe? Welche Hilfe Ihrem Kind wirklich nutzt – und wie Sie das vorher erkennen

Was Lerntherapie und Nachhilfe unterscheidet, wann welche passt und woran Sie eine seriöse Praxis erkennen — mit konkreten Entscheidungshilfen.

Anvido Redaktion
9. Mai 2026 · 8 Min. Lesezeit
Holzschreibtisch mit zwei nebeneinanderliegenden Lernsetups: links Schulbücher und Bleistift, rechts Holzbausteine, Bildkarten und Sanduhr

Sie googeln gerade vermutlich nach "Lerntherapie oder Nachhilfe" und finden viele Seiten, die beide Begriffe verwenden, als wäre es im Wesentlichen das Gleiche. Es ist nicht das Gleiche. Es sind zwei sehr unterschiedliche Angebote, mit unterschiedlichen Methoden, unterschiedlichen Kosten, unterschiedlicher Qualifikation der Anbieter, und – das ist der Punkt, der Eltern viel Geld und Zeit kosten kann – sie helfen bei unterschiedlichen Schwierigkeiten.

Wenn Ihr Kind sechs Monate Nachhilfe macht und keine Veränderung eintritt, ist das oft kein Zeichen, dass die Nachhilfe schlecht war. Es ist ein Zeichen, dass es die falsche Hilfe war. Wir gehen hier durch, wann was sinnvoll ist – damit Sie nicht den falschen Weg ein halbes Jahr lang gehen.

Der Unterschied – ohne Beschönigung

Stellen Sie sich vor, jemand stolpert ständig über die Türschwelle in seinem Wohnzimmer. Eine Lösung wäre: "Übt das Drüberlaufen jeden Tag eine halbe Stunde mit einem Trainer." Eine andere wäre: "Warum stolpert er eigentlich? Schaut euch das an, vielleicht ist die Schwelle zu hoch, vielleicht stimmen seine Schuhe nicht, vielleicht ist die Beleuchtung schlecht."

Nachhilfe ist das Üben des Drüberlaufens. Lerntherapie geht an die Schwelle, die Schuhe und die Beleuchtung.

Nachhilfe: Übung des Schulstoffs

Nachhilfe übt das, was in der Schule durchgenommen wird. Bruchrechnen, Vokabeln, Grammatik, der Aufsatz für Donnerstag. Sie hilft Kindern, die den Stoff im Prinzip verstehen, aber nicht ausreichend Übung hatten – wegen Krankheit, eines Lehrerwechsels, einer schwierigen Lebensphase, mangelnder Konzentration. Nachhilfe arbeitet auf der Ebene des aktuellen Schulstoffs.

Drei farbige Holztokens in einer Reihe auf einer cremefarbenen Fläche, daneben ein Notizheft mit einem handgemalten Pfeil

Anbieter: meistens Studierende, manchmal Lehrer im Ruhestand, Nachhilfeketten wie Studienkreis und Schülerhilfe. Die Qualifikation ist sehr unterschiedlich. Es gibt keine geschützte Berufsbezeichnung. Jeder kann Nachhilfe geben.

Lerntherapie: Arbeit an den Grundlagen

Lerntherapie arbeitet daran, warum das Lernen nicht gelingt. Bei LRS am Aufbau der Buchstaben-Laut-Zuordnung, am phonologischen Bewusstsein, am Aufbau einer stabilen Schriftstruktur. Bei Dyskalkulie an der Mengenvorstellung, am Stellenwertverständnis, an der inneren Zahlengerade. Bei AD(H)S an Aufmerksamkeitsstrategien, an Selbstregulation, an Lerntechniken. Die aktuelle Schul-Hausaufgabe ist hier nebensächlich – die Therapie arbeitet auf der Ebene unter dem Schulstoff.

Anbieter: zertifizierte Lerntherapeutinnen mit Zusatzausbildung, oft mit FiL- oder BVL-Mitgliedschaft, manchmal mit staatlich anerkannter Ausbildung. Die Qualifikation ist anspruchsvoll: meistens ein einschlägiges Studium plus zwei- bis dreijährige Weiterbildung.

Die wichtigsten Unterschiede auf einen Blick

Wann ist Nachhilfe die richtige Wahl?

Nachhilfe ist sinnvoll, wenn diese Kombination zutrifft:

  • Ihr Kind ist in einem Fach kürzer eingebrochen, davor lief es
  • Es gibt einen erkennbaren Anlass – Lehrerwechsel, Krankheit, Umzug, schwierige Phase
  • Das Kind versteht den Stoff im Grundsatz, hat nur Lücken oder Tempoprobleme
  • Die Schwierigkeiten beschränken sich auf ein oder zwei Fächer
  • In anderen Bereichen (mündlich, Sachfächer, generelle Begabung) zeigt das Kind, was es kann
  • Hausaufgaben sind manchmal mühsam, aber nicht systematisch eine Quälerei

Klassisches Beispiel: Eine Siebtklässlerin, die in Mathe nach Wechsel ans Gymnasium den Anschluss verliert, weil das Tempo höher ist als an der Grundschule. Eine gute Mathe-Nachhilfe für drei bis sechs Monate, und der Anschluss ist wieder da.

Wann ist Lerntherapie die richtige Wahl?

Lerntherapie ist sinnvoll, wenn:

  • Eine Teilleistungsstörung diagnostiziert wurde (LRS, Dyskalkulie, AD(H)S) – oder der Verdacht klar im Raum steht
  • Die Schwierigkeiten ziehen sich seit Schulbeginn durch
  • Das Kind übt offensichtlich, aber der Erfolg bleibt aus
  • Die Hausaufgaben sind regelmäßig eine emotional belastende Situation
  • Das Selbstwertgefühl beginnt zu leiden
  • Sie haben es schon mit Nachhilfe probiert, ohne dauerhafte Veränderung

Klassisches Beispiel: Ein Drittklässler, der trotz täglich einer Stunde gemeinsamen Übens zu Hause weiterhin im Diktat ein Drittel der Wörter falsch schreibt – auch Wörter, die er gestern noch geschafft hat. Hier wird Nachhilfe nichts ausrichten, weil das Problem nicht im Stoff liegt, sondern in den Grundlagen. Diagnostik beim Kinder- und Jugendpsychiater, dann gegebenenfalls Lerntherapie.

Was beides kostet – und wann das Jugendamt zahlt

Nachhilfe

Einzelnachhilfe bei einem Studierenden: meist 15 bis 25 Euro pro Stunde. Bei großen Anbietern wie Studienkreis oder Schülerhilfe: 12 bis 20 Euro pro Stunde im Gruppenunterricht. Online-Nachhilfeplattformen: variabel, oft 20 bis 40 Euro pro Stunde. Bei einer wöchentlichen Stunde über sechs Monate sind Sie bei 400 bis 600 Euro.

Bei Anspruch auf Bildungs- und Teilhabepaket ("Bildungspaket") können bedürftige Familien Lernförderung über das Jobcenter oder die Kommune finanzieren lassen. Die Voraussetzungen sind streng – die Lehrkraft muss bestätigen, dass die Versetzung gefährdet ist – aber wenn sie zutreffen, ist das eine reale Option.

Lerntherapie

Eine Sitzung kostet 80 bis 120 Euro, je nach Region und Therapeutin. Eine vollständige Therapie umfasst 60 bis 80 Sitzungen. Privat finanziert: 5.000 bis 10.000 Euro. Das ist viel Geld – für die meisten Familien zu viel ohne Unterstützung.

Genau dafür gibt es §35a SGB VIII. Wenn eine fachärztliche Diagnose vorliegt und die schulische Teilhabe wesentlich beeinträchtigt ist, kann das Jugendamt die Lerntherapie übernehmen – einkommensunabhängig, ohne Eigenbeteiligung. In unserem Beitrag "Lerntherapie übers Jugendamt: §35a in einer Sprache, die Sie nach einem langen Tag noch verstehen" erklären wir den Weg im Detail.

Sieben Warnzeichen, dass Sie gerade die falsche Hilfe machen

Wenn Sie Ihr Kind seit Wochen oder Monaten in einer der beiden Hilfen haben und Folgendes auffällt – ist es ein Hinweis, dass die Wahl nicht zum Problem passt:

  1. Nach drei bis vier Monaten Nachhilfe gibt es keine erkennbare Verbesserung, weder in den Noten noch im Selbstvertrauen
  2. Das Kind sagt, die Nachhilfe sei zwar nett, aber es verstehe das Eigentliche nicht
  3. Hausaufgaben bleiben gleichermaßen mühsam wie vorher
  4. Andere Fächer beginnen ebenfalls zu rutschen
  5. Das Kind zeigt zunehmend Vermeidungsverhalten – Bauchweh, "vergessenes" Hausaufgabenheft
  6. Die Schwierigkeiten zeigen sich auch außerhalb der Schule – beim Lesen einer Speisekarte, beim Erkennen von Uhrzeit, im Spielen
  7. Die Klassenlehrerin signalisiert weiterhin Sorge, trotz Nachhilfe

Wenn drei oder mehr dieser Punkte zutreffen, ist das ein deutliches Signal, einen Schritt zurückzutreten. Die wahrscheinliche Antwort: Es liegt eine Teilleistungsstörung zugrunde, die mit Nachhilfe nicht zu erreichen ist. Ein Termin beim Kinder- und Jugendpsychiater zur Diagnostik ist der vernünftige nächste Schritt.

Woran Sie eine gute Anbieterin erkennen

Gute Nachhilfe erkennen Sie an

  • Klarer Auseinandersetzung mit dem Stoff: Die Nachhilfekraft kennt das aktuelle Schulbuch und passt sich daran an
  • Einer kurzen, aber substantiellen Eingangsbestandsaufnahme: Was kann das Kind, was nicht?
  • Realistischen Erwartungen: Niemand verspricht eine Eins in vier Wochen
  • Dem Mut, ehrlich zu sein, wenn Nachhilfe nicht das Richtige ist
  • Bereitschaft, mit den Eltern zu sprechen

Eine gute Lerntherapeutin erkennen Sie an

  • Anerkannter Qualifikation (FiL- oder BVL-Mitgliedschaft, zertifizierter Studienabschluss)
  • Einer ausführlichen Eingangsdiagnostik vor Therapiebeginn
  • Einem klaren Therapieplan, der für Eltern verständlich erklärt wird
  • Erfahrung mit Kindern in der Altersstufe Ihres Kindes
  • Bereitschaft zur Zusammenarbeit mit Schule und Familie
  • Honorar zwischen 80 und 120 Euro pro Sitzung – seriöser Bereich, alles deutlich darunter sollte stutzig machen

Ein Entscheidungsbaum für Ihren konkreten Fall

Hier eine Entscheidungshilfe in einer Reihenfolge, die in der Praxis funktioniert:

Schritt 1: Liegt eine Diagnose vor?

Wenn LRS, Dyskalkulie oder AD(H)S diagnostiziert sind: Lerntherapie ist die Antwort. Beantragen Sie über §35a, suchen Sie eine qualifizierte Therapeutin. Nachhilfe kann gegebenenfalls ergänzend laufen, ist aber nicht der Hauptweg.

Schritt 2: Wenn keine Diagnose vorliegt – wie alt sind die Schwierigkeiten?

Sind die Schwierigkeiten neu (weniger als sechs Monate), gibt es einen erkennbaren Anlass, und ist das Kind sonst gut aufgestellt? Versuchen Sie es mit Nachhilfe, drei bis vier Monate, und beobachten Sie. Wenn sich was tut: gut. Wenn nichts: Diagnostik anstoßen.

Schritt 3: Ziehen sich die Schwierigkeiten seit Schulbeginn durch?

Dann ist Nachhilfe sehr wahrscheinlich nicht die richtige Wahl. Auch ohne Diagnose lohnt es sich, einen Termin beim Kinder- und Jugendpsychiater zu machen und das abklären zu lassen. Parallel kann eine Lerntherapie auch ohne Jugendamt-Finanzierung sinnvoll sein, wenn die Familie das stemmen kann.

Schritt 4: Treffen mehr als drei Warnzeichen aus dem vorherigen Abschnitt zu?

Hören Sie auf, mehr Nachhilfe zu machen. Diagnostik. Erst danach weitere Entscheidungen.

Was Eltern uns oft fragen

Können wir beides gleichzeitig machen?

Selten sinnvoll. Lerntherapie und Nachhilfe parallel kann das Kind überfordern. Eine Ausnahme: Lerntherapie für die Grundlagen plus eine kurze Nachhilfe-Phase, um eine konkrete Klassenarbeit oder Klausur vorzubereiten. Aber nicht als dauerhaftes Doppel.

Mein Kind hat keine Diagnose, aber ich bin sicher, es liegt etwas vor.

Vertrauen Sie Ihrer Wahrnehmung. Eltern erkennen Schwierigkeiten oft, lange bevor sie Namen haben. Vereinbaren Sie einen Termin bei einer Kinder- und Jugendpsychiaterin. Wartezeiten sind lang – beginnen Sie früh. In der Wartezeit: keine Eskalation zu Hause, keine zusätzlichen Übungseinheiten unter Druck.

Online-Nachhilfe oder Online-Lerntherapie – funktioniert das?

Online-Nachhilfe funktioniert für viele Schülerinnen ab der Mittelstufe gut. Online-Lerntherapie ist eine wachsende und meistens seriöse Form, vor allem bei guter technischer Ausstattung und einem motivierten Kind ab dem mittleren Grundschulalter. Bei sehr jungen Kindern oder bei AD(H)S ist die Präsenz-Therapie meistens günstiger.

Wir haben uns Lerntherapie selbst gezahlt und dann erst die Diagnose gemacht – können wir das nachträglich erstattet bekommen?

Eingeschränkt ja. Wenn der §35a-Antrag bewilligt wird, erstattet das Jugendamt unter bestimmten Bedingungen Therapiekosten ab dem Datum der Antragstellung. Vor Antragstellung gezahlte Beträge sind in der Regel nicht erstattungsfähig. Heben Sie alle Rechnungen auf und stellen Sie den Antrag so früh wie möglich.

Zum Schluss

Die Wahl zwischen Lerntherapie und Nachhilfe ist eine, die Sie nicht im ersten Moment treffen müssen. Aber sie ist auch keine, die man auf die lange Bank schieben sollte – jede Woche, in der Ihr Kind die falsche Hilfe macht, ist eine verlorene Woche. Schlimmer: Sie ist eine Woche, in der das Kind weiterhin erfährt: "Es geht nicht voran, also muss es an mir liegen."

Drei Sätze zum Mitnehmen:

  1. Nachhilfe übt den Schulstoff. Lerntherapie arbeitet an dem, was darunter nicht funktioniert. Beides hat seinen Platz, aber nicht für dasselbe Problem.
  2. Wenn Nachhilfe nach vier Monaten keine spürbare Veränderung bringt, war es vermutlich die falsche Wahl – egal wie gut die Nachhilfekraft ist.
  3. Bei Verdacht auf Teilleistungsstörung: erst Diagnostik, dann entscheiden. Ohne Diagnose hängt jede Entscheidung in der Luft.

Wenn Sie unsicher sind, wo Ihr Kind steht, schreiben Sie uns. Wir lesen die Situation und sagen Ihnen offen, in welche Richtung wir tendieren würden. Kostenfrei, vertraulich, meistens innerhalb von 48 Stunden.

Quellen

• Fachverband für integrative Lerntherapie (FiL) – fil-lerntherapie.de

• Bundesverband Legasthenie und Dyskalkulie e. V. – bvl-legasthenie.de

• SGB VIII §35a – Eingliederungshilfe

• AWMF-S3-Leitlinien Lese-Rechtschreibstörung und Rechenstörung

Dieser Artikel ersetzt keine individuelle Beratung. Stand: Mai 2026.

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