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Anvido
LesenFrage aus der Anvido-Community · Vorschule

Kann man eine Lese-Rechtschreibschwäche schon im Kindergarten erkennen?

Kurzantwort

Eine Diagnose ist im Kindergarten nicht möglich – dafür fehlt schlicht der Unterricht, an dem man die Leistung messen könnte. Ein erhöhtes Risiko lässt sich dagegen ziemlich gut einschätzen, und zwar erstaunlich zuverlässig.

Der Schlüssel liegt nicht bei Buchstaben, sondern beim Hören. Kinder, die später Schwierigkeiten mit der Schrift bekommen, fallen im letzten Kindergartenjahr oft dadurch auf, dass sie Reime nicht erkennen oder bilden, Wörter nicht in Silben klatschen können und Anlaute nicht heraushören („Womit fängt Sonne an?“). Diese Fähigkeit heißt phonologische Bewusstheit und ist das Fundament, auf dem Lesen und Schreiben aufbauen. Dazu kommen zwei Hinweise, die Eltern selten erwähnen: eine verzögerte Sprachentwicklung und eine familiäre Häufung – wenn ein Elternteil oder Geschwisterkind selbst betroffen ist, ist das der stärkste einzelne Risikofaktor überhaupt.

Und jetzt die eigentlich gute Nachricht: Genau diese Vorläuferfähigkeiten lassen sich spielerisch fördern, ohne Diagnose, ohne Material, ohne Therapieplatz. Früh gefördert startet Ihr Kind mit einem deutlich besseren Fundament in die 1. Klasse. Es ist also nicht zu früh zum Handeln – nur zu früh zum Etikettieren.

Jana Sood · Lerntherapeutin (M.A.)
Zuletzt aktualisiert: 26. August 2026
Fachlich geprüft

Die sechs Signale im letzten Kindergartenjahr

Keines dieser Zeichen ist für sich genommen ein Befund. Es geht um die Häufung und darum, dass sie über Monate bestehen bleiben.

1. Reime gelingen nicht. Ihr Kind erkennt nicht, dass sich „Haus“ und „Maus“ reimen, oder findet auf „Baum“ kein Reimwort. Blödsinnswörter zählen dabei ausdrücklich mit – es geht um Klang, nicht um Bedeutung.

2. Silben lassen sich nicht klatschen. „Ba-na-ne“ in drei Teile zu zerlegen, klappt auch nach vielen Anläufen nicht.

3. Anlaute werden nicht gehört. Auf „Womit fängt Fisch an?“ kommt keine Antwort oder ein beliebiger Laut. Achtung: Gemeint ist der Laut /f/, nicht der Buchstabenname „Ef“.

4. Die Sprachentwicklung war verzögert. Spätes erstes Sprechen, lange undeutliche Aussprache, häufiges Suchen nach Wörtern, Vertauschen von Lauten in längeren Wörtern („Kokrodil“ weit über das übliche Alter hinaus).

5. Sequenzen bleiben unsicher. Wochentage, Jahreszeiten, Farbreihen, das eigene Alter oder der Geburtstag – Reihenfolgen wollen einfach nicht haften.

6. Familiäre Häufung. Ein Elternteil, ein Geschwisterkind oder ein Elternteil eines Elternteils hatte selbst Lese- oder Rechtschreibschwierigkeiten. Erwähnen Sie das aktiv – viele Eltern halten es für unwichtig oder erinnern sich mit Scham daran, und es ist der aussagekräftigste Hinweis von allen.

Was dagegen kein Warnzeichen ist: dass Ihr Kind vor der Einschulung noch nicht liest, seinen Namen spiegelverkehrt schreibt oder Buchstaben verwechselt. Das ist im Vorschulalter völlig unauffällig.

Warum es keine Diagnose vor der Schule gibt

Eine Lese-Rechtschreibstörung wird festgestellt, indem man die Leistung eines Kindes mit der von Gleichaltrigen derselben Klassenstufe vergleicht. Dieser Vergleich setzt voraus, dass alle Kinder Gelegenheit hatten, Lesen und Schreiben zu lernen. Im Kindergarten ist diese Voraussetzung nicht erfüllt – es gibt schlicht nichts zu vergleichen.

Deshalb ist eine belastbare Diagnostik in der Regel frühestens ab Mitte bis Ende der 1. Klasse sinnvoll und wird ab Klasse 2 deutlich verlässlicher.

Was es im Vorschulalter dagegen gibt, sind Screenings zur phonologischen Bewusstheit. Manche Kitas und viele Schulen setzen sie im Rahmen der Schuleingangsuntersuchung oder der Erhebung der Lernausgangslage ein. Sie liefern keine Diagnose, sondern eine Risikoeinschätzung – und genau die ist im Vorschulalter das Richtige.

Wichtig für Ihre innere Ruhe: Eine Risikoeinschätzung ist keine Prognose. Viele Kinder mit auffälliger phonologischer Bewusstheit lernen ganz normal lesen und schreiben, besonders wenn früh gefördert wurde. Und umgekehrt entwickeln manche unauffälligen Kinder später doch Schwierigkeiten. Sie kaufen sich mit früher Förderung keine Garantie – aber einen deutlich besseren Startpunkt.

Was Sie jetzt spielerisch tun können

Das Beste daran: Sie brauchen kein Material, keinen Termin und keine Diagnose. Zehn Minuten am Tag, verteilt über Alltagssituationen, reichen aus.

Silben klatschen, überall. Beim Treppensteigen, Tischdecken, im Auto. Jedes Wort wird geklatscht: „Ka-rot-te“. Steigern Sie langsam von zwei auf vier Silben.

Reimspiele ohne Papier. „Mir fällt was ein, das reimt sich auf Hose.“ Unsinnsreime zählen doppelt – „Nose, Bose, Kose“ ist genau richtig.

Anlaute jagen. „Ich sehe was, was du nicht siehst, und das fängt an mit /m/.“ Immer den Laut sprechen, nie den Buchstabennamen.

Wörter zusammensetzen und zerlegen. „Was kommt raus, wenn ich Sonne und Blume zusammenschiebe?“ Und andersherum: „Sag Handschuh ohne Hand.“ Das ist anspruchsvoll und macht Vorschulkindern großen Spaß.

Klatschen, wie viele Wörter ein Satz hat. Bewusst zu erleben, dass gesprochene Sprache aus Teilen besteht, ist genau der Schritt, der später das Schreiben trägt.

Vorlesen, täglich. Der wirksamste und am meisten unterschätzte Punkt. Es geht nicht darum, dass Ihr Kind mitliest – es geht darum, dass Geschichten großartig werden, bevor Schrift anstrengend wird. Lassen Sie Ihr Kind Bilder beschreiben, den Fortgang raten, Sätze ergänzen.

Eine Sache noch, die genauso wichtig ist: keine Buchstaben pauken. Ein Vorschulkind muss nicht lesen können. Wer früh drillt, riskiert, dass das Kind mit dem Gefühl in die Schule geht, schon vor dem ersten Tag im Rückstand zu sein.

Was Sie der Schule beim Schulstart sagen sollten

Das ist der Schritt, den fast alle Familien auslassen – und der am wenigsten kostet.

Sprechen Sie beim Einschulungsgespräch oder spätestens beim ersten Elternabend die Klassenlehrkraft kurz an. Ein einziger Satz genügt:

„Unserem Kind fallen Reime und Silben schwer, und in der Familie gibt es Lese-Rechtschreib-Schwierigkeiten. Könnten Sie in den ersten Monaten bitte besonders darauf schauen, wie der Schriftspracherwerb anläuft?“

Damit haben Sie zwei Dinge erreicht: Die Lehrkraft schaut gezielt hin, und Sie haben einen dokumentierten Ausgangspunkt, falls es später um Fördermaßnahmen geht.

Und Sie stehen dabei nicht auf schwachem Grund. Die Landeserlasse zur Förderung bei Lese-Rechtschreib-Schwierigkeiten verpflichten die Schulen ausdrücklich, im Erstunterricht prozessbegleitend zu beobachten, um Schwierigkeiten früh zu erkennen und vorbeugend zu handeln; vorschulische Erkenntnisse sind dabei einzubeziehen. Mehrere Länder nennen die Jahrgänge 1 und 2 sogar ausdrücklich als Gruppe, für die besondere Fördermaßnahmen vorzusehen sind.

In Klasse 1 zu fragen ist also nicht überengagiert – es ist vorgesehen. Ausführlich dazu: Legasthenie in der 1. Klasse erkennen.

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